Warmfahren für die Tour de France …

... 2.100 Kilometer bis zum Start

Andere buchen einen Flug nach Barcelona. Anne und Thorge dachten sich: Da kann man auch hinradeln.  Gesagt, getan. Also ging es von Frankfurt aus auf große Anreise – 19 Etappen, rund 2.100 Kilometer, 14.300 Höhenmeter und knapp 100 Stunden Fahrzeit später standen die beiden tatsächlich am Startort der Tour de France. Einziger Unterschied zu den Profis: Die hatten ihre Beine bis dahin noch frisch.

Schon nach den ersten 50 Kilometern war klar: Der Alltag bleibt zu Hause. Über die Deutsche Weinstraße, den EuroVelo 15 und ein wohlverdientes Eis in Straßburg verabschiedeten sich die beiden aus Deutschland. Ab jetzt hieß es: Bonjour, Merci und gelegentlich einfach freundlich lächeln.

Die Schweiz begrüßte mit allem, was sie zu bieten hat: knackigen Anstiegen, grandiosen Ausblicken und Radwegen, die von „glatter Traumasphalt“ bis „Mountainbike-Teststrecke“ wirklich jede Geschmacksrichtung abdeckten. Mit Gepäck bergauf merkt man außerdem sehr schnell, dass jedes zusätzliche Gramm irgendwann persönlich wird. Der Blick vom Col de Chasseral bis zu den Alpen entschädigte ebenso wie die anschließende Abkühlung im Bielersee. Und wenn das Zelt dann auch noch direkt am Genfer See in der ersten Reihe steht, fühlt sich Camping plötzlich verdächtig luxuriös an.

Luxuriös wurde es ohnehin – zumindest kulinarisch. Mit Frankreich kamen nicht nur Baguette und Pain au Chocolat, sondern auch Temperaturen, die eher an eine Dampfsauna erinnerten. Die Tagesplanung bestand deshalb aus einer einfachen Formel: früh starten, Brunnen finden, Schatten sichern und möglichst einen Campingplatz mit Pool erwischen. Wer nach dem Frühstücksbuffet pünktlich um 15 Uhreincheckt und direkt ins Wasser springen kann, hat im Hitzemanagement alles richtig gemacht.

Nach einem Wellness-Tag mit XXL-Frühstück, langen Pausen und ausgiebigem Badespaß wartete die Provence. Und dort stand dieser eine Berg herum, den man als Radfahrer irgendwie nicht ignorieren kann: der Mont Ventoux. Natürlich wurde er erklommen – ohne Gepäck, aber auch ohne ultraleichtes Profi-Material. Der Berg war anstrengend, die Aussicht spektakulär und die Rückfahrt durch die Gorges de la Nesque jede Kurbelumdrehung wert.

Danach ging es weiter Richtung Mittelmeer. Irgendwann, nach gefühlt nur noch drei Abbiegungen, stand es plötzlich vor ihnen. Das Mittelmeer. Von Frankfurt aus. Mit dem Fahrrad. Ein Moment, der definitiv länger in Erinnerung bleibt als jede Durchschnittsgeschwindigkeit.

Die folgenden Tage fühlten sich an wie eine Postkartensammlung: Küstenstraßen, Uferpromenaden, Gravel, Lagunen und immer wieder Rückenwind. Wobei „Rückenwind“ bei über 35 Grad vor allem bedeutete, dass einem der Fahrtwind nicht ganz so heiß ins Gesicht blies. Quer durch eine Lagune zu fahren gehört trotzdem zu den Dingen, die man ruhig öfter machen könnte.

Die Pyrenäen wurden von Tag zu Tag größer. Der Grenzübertritt nach Spanien dagegen war überraschend unspektakulär: Plötzlich war der Asphalt weg und machte einem ausgewaschenen Flussbett Platz. Willkommen in Spanien! Kurz darauf folgte der erste – und zum Glück einzige – Platten der gesamten Tour. Nach fast 2.000 Kilometern darf das Material schließlich auch einmal Aufmerksamkeit verlangen.

Girona zeigte dann sofort, warum dort halb Europa Trainingslager macht. Thorge ließ sich nicht zweimal bitten und nahm den Rocacorba gleich noch mit. Wenn man schon einmal da ist … Natürlich durfte auch die klassische Runde über Els Àngels und durch die mittelalterlichen Dörfer des Baix Empordà nicht fehlen. Gedopt wurde ausschließlich mit reichlich Kaffee – die drei Coffee Stops an einem Tag waren selbstverständlich rein leistungsdiagnostischer Natur.

Die letzten Kilometer nach Barcelona hatten nur noch ein Ziel: ankommen. Selbst Radwege, die plötzlich im Nichts endeten, konnten die Stimmung nicht mehr trüben. Nach 2.100 Kilometern, 14.300 Höhenmetern, unzähligen Baguettes, Brunnenstopps, Eispausen, Badeseen, Pools und genau einem Platten war es geschafft.

Barcelona. Angekommen.

Jetzt können die Profis endlich mit ihrer Tour de France am Samstag (4.7.) beginnen. Anne und Thorge haben ihre jetzt hinter sich.

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